Zwischen zwei Stühlen

Warum das mittlere Management die größte Hebelstelle jeder Transformation ist – und warum beide Extrempositionen scheitern.

Zur Methodik

Für diesen Artikel habe ich dieselbe Forschungsfrage parallel an fünf KI-Systeme gestellt: Claude, Gemini, Perplexity, DeepSeek und ChatGPT. Jedes System hat unabhängig Quellen recherchiert und Daten zusammengetragen. Die Einordnung, Analyse und Bewertung ist meine eigene Arbeit. KI ist ein Recherche-Werkzeug. Die Perspektive kommt vom Menschen.

Acht von zehn.

So viele Führungskräfte in der Sandwich-Position zwischen Top-Management und operativen Teams berichten von dauerhaftem Stress – laut Techniker Krankenkasse. Gallup misst 2024 einen Rückgang des Manager-Engagements von 30 auf 27 Prozent. Harvard Business Review dokumentiert, dass mehr als die Hälfte aller mittleren Führungskräfte sich ausgebrannt fühlt. 53 Prozent der Unternehmen haben Schwierigkeiten, genau diese Positionen überhaupt zu besetzen.

Das ist kein Randproblem. Das ist der Kern jeder Transformation.

Die Sandwich-Position: Struktur mit eingebautem Rollenkonflikt

Mittlere Führungskräfte übersetzen das Abstrakte in das Konkrete. Sie nehmen die Strategie des Vorstands und machen sie für 20 oder 200 Mitarbeitende handhabbar. Gleichzeitig tragen sie die Realität des operativen Alltags nach oben. Beide Richtungen gleichzeitig. Beide Seiten gleichzeitig.

Floyd und Wooldridge beschreiben seit 1992 vier Rollen, die diese Ebene gleichzeitig erfüllen muss: Strategie nach unten implementieren, Alternativen nach oben sichtbar machen, Information synthetisieren und Teams in ihrer Anpassungsfähigkeit stärken. Das Chartered Management Institute (CMI) kommt 2023 zu einem ernüchternden Befund: 82 Prozent der Menschen, die in Managementpositionen eintreten, haben keine formale Führungsausbildung erhalten.

„Middle managers are expected to hit, field, and pitch at the same time.“ – Uyterhoeven, 1989

McKinsey misst, dass mittlere Führungskräfte weniger als ein Drittel ihrer Zeit für People Management und Teamentwicklung aufwenden. Deloitte Human Capital Trends 2025 beziffert diesen Anteil sogar auf nur 13 Prozent. Der Rest: Administration, Problemlösung, Berichterstattung.

Rollenkonflikt ist in dieser Position keine Ausnahme. Er ist das Geschäftsmodell der Stelle.

Was das Top-Management erwartet

Die Erwartung ist klar formuliert: Übersetze unsere Strategie. Melde zurück, was funktioniert. Halte den Leistungsdruck dosiert, aber sorge für Ergebnisse.

Das Problem liegt nicht in dieser Erwartung. Das Problem liegt darin, dass sie ohne die dazu notwendigen Ressourcen, Spielräume und Qualifikationen formuliert wird. IBM schätzt, dass weniger als 10 Prozent gut formulierter Strategien effektiv umgesetzt werden. Mitarbeitende erleben die strategische Klarheit laut Forschung systematisch um rund 50 Prozent geringer als Führungskräfte selbst einschätzen.

Das mittlere Management sitzt genau in dieser Lücke.

Extrem 1: Rein direktiv

Die erste Fehlpositionierung ist bekannt: Führungskräfte, die ausschließlich auf Kennzahlen und Zielerreichung fokussieren, Mitarbeiterbedürfnisse als Störvariable behandeln und Anweisungen weitergeben statt Orientierung zu schaffen.

Die Forschungslage dazu ist eindeutig. Pletzer, Breevaart und Bakker zeigen in einer Meta-Analyse von über 1.000 Studien (2024): Destruktive Führung korreliert mit Burnout ρ = +0,38. Schyns und Schilling belegen in 57 Studien: Arbeitszufriedenheit sinkt (r ≈ -0,43), Kündigungsabsicht steigt (r ≈ +0,31), kontraproduktives Verhalten steigt (r ≈ +0,46).

Authoritarian leadership has been found to negatively influence team interaction, organizational commitment, task performance, and extra-role performance. Das gilt besonders in Transformationsprozessen: Wer Menschen nicht einbezieht, bekommt Compliance. Aber keine Energie.

McKinsey misst: Nur 3 Prozent der Transformationen gelingen ohne aktive Einbindung der operativen Ebene.

Extrem 2: Rein teamorientiert

Die zweite Fehlpositionierung ist subtiler und wird seltener benannt: Führungskräfte, die sich als Interessenvertreter ihrer Teams positionieren, die Top-Management-Entscheidungen kommentieren statt umsetzen, die Solidarität mit den Mitarbeitenden über die Funktion als Bindeglied stellen.

Huy zeigt in einer dreijährigen Feldstudie, wie Middle Manager Strategieinitiativen verdeckt ablehnen können, sobald ihre Gruppenidentität aktiviert wird. Balogun und Johnson dokumentieren, wie informelle Sensemaking-Prozesse zwischen Führungskräften zu systematisch strategie-untergrabenden Interpretationen führen. Das Ergebnis ist dieselbe Dysfunction – nur mit anderen Vorzeichen.

Wer sich institutionell gegen die eigene Organisation stellt, verliert gleichzeitig zwei kritische Funktionen: Glaubwürdigkeit nach oben, damit Ressourcenzugang und Handlungsspielraum für das Team. Und Orientierungsfunktion nach unten, weil Klage kein Kompass ist.

Teams brauchen keine Mitführungskraft. Sie brauchen eine Führungskraft, die für sie in beide Richtungen arbeitet.

Was die Forschung als optimal ausweist

Die wissenschaftliche Antwort auf die Extrempositionen ist kein Mittelweg. Es ist ein integriertes Mehrkomponenten-Modell.

Fünf Evidenzstränge konvergieren dabei:

  • Ambidextre Führung (Rosing, Frese & Bausch 2011): situativer Wechsel zwischen Opening (Exploration, Experimente ermutigen) und Closing (Regeln, Monitoring, Umsetzungsdisziplin). Nicht als Kompromiss, sondern als bewusster Kontextwechsel.
  • Transformationale Führung (Judge & Piccolo 2004, 87 Studien): ρ = .44 mit Leadership Effectiveness. Insbesondere OCB und Team-Performance profitieren.
  • Empowering/Partizipative Führung (Lee, Willis & Tian 2018, 105 Studien): positive Effekte auf Task-Performance, Kreativität und OCB, mediiert durch Vertrauen und psychologisches Empowerment.
  • Psychologische Sicherheit (Frazier et al. 2017, Meta-Analyse 136 Samples): stärkster Einzelprädiktor für Teameffektivität. Googles Project Aristotle bestätigt: 180 Teams, 250 Variablen – psychologische Sicherheit gewinnt.
  • Servant Leadership (Hoch et al. 2018): erklärt inkrementell Varianz über transformationale Führung hinaus: +9 % bei OCB, +19 % bei Vertrauen.

Die Formel des Konsenses: transformationale Vision + servant-orientierte Beziehungsgestaltung + partizipative Praktiken + ambidextrer Situationswechsel + psychologische Sicherheit.

Warum Partizipation kein Softskill ist

Die Argumentationskette ist simpel und belastbar:

  • Gallup quantifiziert den globalen Produktivitätsverlust durch Disengagement auf 438 Mrd. USD allein 2024.
  • Manager erklären 70 Prozent der Engagement-Varianz (Gallup 2015, repliziert bis 2025).
  • Partizipative Führung erhöht Performance, OCB und Kreativität meta-analytisch.
  • McKinsey 2021: Transformationserfolg steigt von 3 Prozent auf 26–28 Prozent, wenn Frontline-Manager aktiv eingebunden sind.
  • Prosci (11 Benchmark-Studien): Projekte mit sehr effektiven Sponsoren erreichen Ziele zu 79 Prozent – mit sehr ineffektiven zu 27 Prozent.

Partizipation ist damit keine ethische Präferenz. Sie ist der Mechanismus, durch den Fehler früh sichtbar werden, Commitment zur Umsetzung entsteht und die Führungskraft glaubwürdig in beide Richtungen bleibt.

Was das in der Praxis bedeutet

Bei Passioneers nennen wir das Prinzip: „Wir machen Transformation mit Menschen, nicht über sie hinweg.“ Es klingt einfach. Es ist es nicht.

Die Führungskraft, die in der Mitte sitzt, braucht drei Dinge gleichzeitig:

  • Klarheit nach oben. Die eigene Position klar vertreten. Rückmeldungen aus dem Team ehrlich weitergeben. Nicht filtern, nicht schönen, nicht absichern.
  • Orientierung nach unten. Strategische Entscheidungen übersetzen, nicht kommentieren. Menschen wissen lassen, wohin die Reise geht – und warum.
  • Beteiligung im Prozess. Mitarbeitende nicht informieren, sondern fragen. Nicht Lösungen präsentieren, sondern gemeinsam erarbeiten. Das erzeugt kein Chaos. Es reduziert Widerstand.

Huy nennt das „Emotional Balancing“: gleichzeitig hohes Commitment zum Change und hohe Aufmerksamkeit für die Mitarbeiteremotionen. Kein Kompromiss zwischen beiden. Beides auf einmal.

Das ist die Stelle, an der das Sandwich aufhört, ein Gefängnis zu sein, und anfängt, eine Hebelstelle zu werden.

Eine Frage zum Schluss.

Wenn du an die mittleren Führungskräfte in deiner Organisation denkst: Hast du das Handwerkszeug, das ihre Rolle verlangt? Oder sitzen sie im Sandwich, ohne zu wissen, wie sie es aufbrechen können?

Quellen (Auswahl)

Gallup State of the Global Workplace 2024/2025  ·  Harvard Business Review (Klinghoffer & Kirkpatrick-Husk, 2023)  ·  Floyd & Wooldridge (1992, 1994, Strategic Management Journal)  ·  Huy, Q.N. (2002, ASQ; 2011, SMJ)  ·  Balogun & Johnson (2004, AMJ; 2005, Organization Science)  ·  Pletzer, Breevaart & Bakker (2024, Organizational Psychology Review)  ·  Schyns & Schilling (2013, Leadership Quarterly)  ·  Lee, Willis & Tian (2018, Journal of Organizational Behavior)  ·  Frazier et al. (2017, Personnel Psychology)  ·  McKinsey Global Survey (2021, 2022, 2024)  ·  Deloitte Human Capital Trends (2024, 2025)  ·  CMI/YouGov (2023)  ·  BAuA (2023, baua:Fakten)